Schon vor dem Ersten Weltkrieg und bis zum Ende der Weimar Republik besetzten Stadtbauräte in vielen deutschen Städten einflussreiche Positionen und konnten, wie Walter Gropius über Ernst May schrieb, „die Macht der öffentlichen Stellung“ für die Durchsetzung ihrer Pläne und Vorstellungen nutzen. Eine Berufung zum Stadtbaurat erfolgte zumeist auf Grund künstlerischer Eignung, Verwaltungserfahrungen spielten häufig nur eine untergeordnete Rolle.
Eine ganz neue kommunale Aufgabe bildete die Organisation des öffentlichen Wohnungsbaus, der u. a. durch Einnahmen aus der 1923 eingeführten die Hauszinssteuer, einer Aufwertungsabgabe für den nach der Inflation entschuldeten Grundbesitz, gefördert wurde.
Martin Wagner (1885–1957) BERLIN
Martin Wagner hatte schon Rüstringen (heute Wilhelmshaven) und Schöneberg Erfahrungen in der Kommunalverwaltung und im Siedlungsbau gesammelt, ehe er 1926 als Nachfolger von Ludwig Hoffmann zum Stadtbaurat von Groß-Berlin ernannt wurde. Wagner war zuständig für Bau und Unterhaltung öffentlicher Gebäude und die Stadtplanung. Trotz intensiver Bemühungen gelang es ihm nicht, auch die Zuständigkeit für den Wohnungsbau zu erlangen. Wagners Vorstellung, den Wohnungsbau durch gemeinwirtschaftliche Betriebe und die Konzentration auf große Siedlungen zu rationalisieren, stieß auf beständigen Widerstand in der Berliner Wirtschaft und Verwaltung.
Fritz Schumacher (1869–1947) HAMBURG
Fritz Schumacher sah die wichtigste Aufgabe als Baudirektor und ab 1920 als Oberbaudirektor in Hamburg nicht nur im Entwerfen einzelner Gebäude, sondern in der einheitlichen Leitung des gesamten öffentlichen Bauwesens. Es umfasste den Hochbau, die Stadt- und Landesplanung sowie den kommunalen Wohnungsbau. Während seiner Amtszeit zwischen 1909 und 1933 entstand unter seiner Leitung eine riesige Zahl öffentlicher Gebäude – Verwaltungs- und Justizbauten, Museen, Polizeiwachen, Friedhofsgebäude, Verkehrsbauten, mehr als 30 Schulen, sowie rund 65.000 Wohnungen. Der von Schumacher für die Fassaden bevorzugte Rohziegel bildete ein festes Band zwischen den “Hamburger Staatsbauten“. Im Laufe der Jahre löste sich Schumachers „neuzeitlicher Backsteinbau“ von der historischen Formensprache, doch brachten es die Bindungen des Materials mit sich, dass die Tradition nie ganz abriss und in Hamburg eine moderne Architektur ohne scharfe Brüche heranwachsen konnte.
Ernst May (1886–1970) FRANKFURT AM MAIN
Unter der Marke „Das Neue Frankfurt“ entwickelte Ernst May, als Hochbaudezernent in Frankfurt mit ähnlicher Machtfülle wie Hubert Ritter ausgestattet, gestützt auf ein Team von Architekten und Künstlern ab 1925 ein umfassendes Programm zur Stadterneuerung. Im Zentrum standen die Planungen für durchgrünte Siedlungen mit Infrastruktur, die über ein gutes Verkehrsnetz mit der Großstadt verbunden blieben. Wohnhäuser und öffentliche Gebäude waren von Anfang an auf das Neue Bauen ausgerichtet, was das einheitliche Erscheinungsbild der kommunalen Neubauten in Frankfurt ausmachte. In nur fünf Jahren entwickelte sich die Stadt zu einem Zentrum der modernen Architektur, das weit über Deutschland hinaus wahrgenommen wurde, wozu auch die kluge Außendarstellung beitrug – u. a. mit dem neuen Medium Film und einer programmatischen Zeitschrift in avantgardistischem Layout.