Rundgang durch die Ausstellung

Herkunft, Ausbildung und Kölner Jahre1 / 3

Ausbildung und Berufsanfänge in München

Hubert Ritter wuchs in einem künstlerischen Umfeld auf. Auf beiden Seiten seiner Familie fanden sich Künstler und Wissenschaftler. Huberts Großvater, der Aquarellist und Zeichner Lorenz Ritter (1832–1921), sowie dessen Bruder, der Historienmaler Paul Ritter (1829–1907), hatten Einfluss auf sein frühes Interesse an der künstlerischen Auseinandersetzung mit Architektur und Stadtansichten. Im Jahre 1905 begann Hubert Ritter ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule in München.

Während seines Studiums wurde insbesondere sein Lehrer Friedrich von Thiersch (1852–1921) zu einem wichtigen Vorbild. Dieser war ein begnadeter Zeichner und prägte die architektonische Ausbildung an der Hochschule nachhaltig. Seine Lehre der Baukunst der Renaissance stellte die zeichnerische Analyse zum Erkenntnisgewinn in den Vordergrund. Dadurch sollten Bauformen nicht nur abgebildet, sondern in ihrer Logik erfasst werden. Nach dem Studienabschluss entschied sich Ritter gegen eine freiberufliche Existenz und trat 1912 mit erfolgreich bestandenem Examen in den Staatsdienst ein.

Aquarell: prunkvolles Ausstellungsgebäude mit Kuppel, davor Springbrunnen, Gartenanlage und Spaziergänger
Lorenz Ritter: Hauptausstellungsgebäude Nürnberg, 1884Museen der Stadt Nürnberg, Grafische Sammlung, Inv. Nr. Gr.A. neu 00085
Aquarell: runder Torturm mit Spitzhelm über verschneiten Dächern in winterlich-grüner Stimmung
Wilhelm Ritter: Das Neutor in Nürnberg im SchneeMünchen AM TUM, rit_hu-78-1, Hubert Ritter, Studienzeichnungen unter Thiersch, München um 1908,
Zeichnung: kubischer Mausoleumsbau mit Kuppelaufsatz auf einer Rasenfläche vor Abendhimmel
Hubert Ritter: Entwurf für ein Mausoleum, München 1909München, AM TUM, rit_hu-82-2
Perspektivzeichnung: Kurhaus mit Säulenportikus und Kuppel, davor Platz mit Passanten
Friedrich von Thiersch: Präsentationsperspektive Kurhaus Wiesbaden, 1903AM TUM, Inv.-Nr. thie_f-55-1300
Aquarell: gotischer Kirchenchor mit Gewölben, hohem Sakramentshaus und bunten Glasfenstern
Paul Ritter: Chor der St. Lorenzkirche Nürnberg, 1878Museen der Stadt Nürnberg, Kunstsammlungen, Inv. Nr. Gm 2410
Zeichnung: überdachter Renaissance-Brunnen mit Säulen, Ziegeldach und Wasserstrahlen vor Arkadenhof
Hubert Ritter: Entwurf für einen Renaissancebrunnen, 1907München AM TUM, rit_hu-78-1

Ausstellungstafel 2

Herkunft, Ausbildung und Kölner Jahre2 / 3

Frühe künstlerische Entwurfspraxis

Geprägt durch die familiären Vorbilder und die Münchner Schule entwickelt Hubert Ritter seine Entwurfspraxis nach Abschluss des Architekturstudiums 1909 weiter. Bereits die frühen Arbeiten zeigen sein Interesse, Einzelbauten nicht isoliert darzustellen, sondern sie in eine atmosphärische Gesamtkomposition einzubinden. Durch die Variation von Lichtverhältnissen, Blickwinkeln und Darstellungstechnik nähert er sich seinen Entwürfen schrittweise – wie z.B. bei der Skizze zu seinem ersten großen Auftrag zu erkennen: der Wohnanlage an der TheodorparkStraße in München.

Ritter beschränkte sich dabei nicht auf klassische Entwurfszeichnungen. Die Kombination verschiedener Techniken, wie Fotografie, Lichtpause und Tuschezeichnung, erlaubte es ihm, seine Projekte in unterschiedlichen Stimmungen zu erproben. Diese experimentelle Arbeitsweise wurde spätestens in den Kölner Jahren zu einem charakteristischen Merkmal seines Schaffens. Eine weitere Besonderheit Ritters bildete das Ausarbeiten von Modellen für einzelne Wohnhäuser – eine Praxis, die für Projekte dieser Dimension eher unüblich war.

Ausstellungstafel 3

Herkunft, Ausbildung und Kölner Jahre3 / 3

Die Kölner Bauprobleme

Ausstellungstafel 5

Zwischen Reform und Moderne1 / 3

Zwischen Reform und Moderne

Ausstellungstafel 6

Zwischen Reform und Moderne2 / 3

Stadtbauräte der Weimarer Republik

Schon vor dem Ersten Weltkrieg und bis zum Ende der Weimar Republik besetzten Stadtbauräte in vielen deutschen Städten einflussreiche Positionen und konnten, wie Walter Gropius über Ernst May schrieb, „die Macht der öffentlichen Stellung“ für die Durchsetzung ihrer Pläne und Vorstellungen nutzen. Eine Berufung zum Stadtbaurat erfolgte zumeist auf Grund künstlerischer Eignung, Verwaltungserfahrungen spielten häufig nur eine untergeordnete Rolle.

Eine ganz neue kommunale Aufgabe bildete die Organisation des öffentlichen Wohnungsbaus, der u. a. durch Einnahmen aus der 1923 eingeführten die Hauszinssteuer, einer Aufwertungsabgabe für den nach der Inflation entschuldeten Grundbesitz, gefördert wurde.

Martin Wagner (1885–1957) BERLIN

Martin Wagner hatte schon Rüstringen (heute Wilhelmshaven) und Schöneberg Erfahrungen in der Kommunalverwaltung und im Siedlungsbau gesammelt, ehe er 1926 als Nachfolger von Ludwig Hoffmann zum Stadtbaurat von Groß-Berlin ernannt wurde. Wagner war zuständig für Bau und Unterhaltung öffentlicher Gebäude und die Stadtplanung. Trotz intensiver Bemühungen gelang es ihm nicht, auch die Zuständigkeit für den Wohnungsbau zu erlangen. Wagners Vorstellung, den Wohnungsbau durch gemeinwirtschaftliche Betriebe und die Konzentration auf große Siedlungen zu rationalisieren, stieß auf beständigen Widerstand in der Berliner Wirtschaft und Verwaltung.

Fritz Schumacher (1869–1947) HAMBURG

Fritz Schumacher sah die wichtigste Aufgabe als Baudirektor und ab 1920 als Oberbaudirektor in Hamburg nicht nur im Entwerfen einzelner Gebäude, sondern in der einheitlichen Leitung des gesamten öffentlichen Bauwesens. Es umfasste den Hochbau, die Stadt- und Landesplanung sowie den kommunalen Wohnungsbau. Während seiner Amtszeit zwischen 1909 und 1933 entstand unter seiner Leitung eine riesige Zahl öffentlicher Gebäude – Verwaltungs- und Justizbauten, Museen, Polizeiwachen, Friedhofsgebäude, Verkehrsbauten, mehr als 30 Schulen, sowie rund 65.000 Wohnungen. Der von Schumacher für die Fassaden bevorzugte Rohziegel bildete ein festes Band zwischen den “Hamburger Staatsbauten“. Im Laufe der Jahre löste sich Schumachers „neuzeitlicher Backsteinbau“ von der historischen Formensprache, doch brachten es die Bindungen des Materials mit sich, dass die Tradition nie ganz abriss und in Hamburg eine moderne Architektur ohne scharfe Brüche heranwachsen konnte.

Ernst May (1886–1970) FRANKFURT AM MAIN

Unter der Marke „Das Neue Frankfurt“ entwickelte Ernst May, als Hochbaudezernent in Frankfurt mit ähnlicher Machtfülle wie Hubert Ritter ausgestattet, gestützt auf ein Team von Architekten und Künstlern ab 1925 ein umfassendes Programm zur Stadterneuerung. Im Zentrum standen die Planungen für durchgrünte Siedlungen mit Infrastruktur, die über ein gutes Verkehrsnetz mit der Großstadt verbunden blieben. Wohnhäuser und öffentliche Gebäude waren von Anfang an auf das Neue Bauen ausgerichtet, was das einheitliche Erscheinungsbild der kommunalen Neubauten in Frankfurt ausmachte. In nur fünf Jahren entwickelte sich die Stadt zu einem Zentrum der modernen Architektur, das weit über Deutschland hinaus wahrgenommen wurde, wozu auch die kluge Außendarstellung beitrug – u. a. mit dem neuen Medium Film und einer programmatischen Zeitschrift in avantgardistischem Layout.

Schwarzweiß-Porträt von Martin Wagner mit Schnurrbart, Anzug und Krawatte
Martin Wagner, Stadtbaurat von BerlinAkademie der Künste, Berlin, Martin-Wagner-Sammlung, Nr. 21 F. 2, Fotograf*in unbekannt
Luftbild: hufeisenförmiger Wohnblock um eine Grünfläche mit Teich, umgeben von Reihenhauszeilen
Hufeisensiedlung Berlin-Britz, 1930Akademie der Künste, Berlin, Bruno-Taut-Sammlung, Nr. 243 F. 4, Fotograf*in unbekannt
Schwarzweiß-Porträt von Fritz Schumacher mit weißem Bart und Brille im dunklen Anzug
Fritz Schumacher, Oberbaudirektor in Hamburg, 1920Statl. Landesbildstelle Hamburg, Slg. zur Gesch. d. Photographie. (Inv. Nr.: P1976.294.2)
Luftaufnahme: große Wohnblöcke mit begrünten Innenhöfen und geschwungenen Häuserzeilen
Luftaufnahme der Jarrestadt, Hamburg-Winterhude, 1929–1933Staatsarchiv Hamburg, L0001575_01
Lachender Ernst May mit Fliege und Zeigestock vor Plantafeln der Siedlung Römerstadt
Ernst May, Hochbaudezernent in Frankfurt am MainNürnberg, GNM, Deutsches Kunstarchiv, NL May, Ernst, I,B-2 (0062)
Luftaufnahme: in Bögen geschwungene Häuserzeilen der Römerstadt am Rand des Niddatals
Luftaufnahme der Römerstadt-Siedlung, Frankfurt am MainErnst-May-Gesellschaft, Frankfurt a.Main, Nachlass Rudlof, Album 09

Ausstellungstafel 7

Zwischen Reform und Moderne3 / 3

Hubert Ritters Vorgänger im Amt

Rund fünfzig Jahre lang, zwischen 1879 und 1930, wurde die Architektur in Leipzig durch die vier Stadtbauräte Hugo Licht, Otto Wilhelm Scharenberg, Carl James Bühring und Hubert Ritter bestimmt. Gestützt auf eine leistungsfähige Bauverwaltung entstanden unter ihrer Leitung die meisten kommunalen Neubauten in eigener Regie.

Hugo Licht (1841–1923)

Im Jahre 1879 beschloss der Rat der Stadt eine für das Hochbauwesen zuständige Abteilung einzurichten und übertrug die Leitung dem Architekten Hugo Licht aus Berlin. Licht hatte nach dem Besuch der Bauakademie zehn Jahre lang als Privatarchitekt in Berlin gearbeitet und durch seine Teilnahme an verschiedensten Wettbewerben die Gelegenheit, sich mit fast allen Bauaufgaben zu beschäftigen. Ab 1880 errichtete er eine Reihe öffentlicher Gebäude, die Leipzig den Charakter einer modernen Großstadt verliehen und Licht über Leipzig hinaus bekannt machten. Zu seinen bekanntesten Bauten zählen das Grassimuseum (heute Stadtbibliothek) und das Konservatorium, Markthalle, Schlachthof und das Städtische Kaufhaus. Im Jahre 1896 wurde er als Stadtbaurat freigestellt und als Privatarchitekt mit dem Bau des Neuen Rathauses beauftragt.

Otto Wilhelm Scharenberg (1851–1920)

Im Jahre 1897 wurde Otto Wilhelm Scharenberg neben Licht als zweiter Stadtbaurat ernannt und mit der Leitung des Hochbauamtes betraut. Zuvor hatte der ebenfalls in Berlin ausgebildete Architekt nur wenig entworfen, sich aber als Bauleiter beim Neubau des Reichsgerichts in Leipzig einen exzellenten Ruf erworben, weshalb seine Ernennung ohne Ausschreibung erfolgte. Unter seiner Leitung erreichte die kommunale Bautätigkeit ihren größten Umfang. Über seine architektonischen Vorstellungen, die Entwurfspraxis des Hochbauamtes und den eigenen Anteil an dessen Entwürfen hat sich Scharenberg, anders als Licht, Bühring oder Ritter, nie geäußert. Es entstanden die ausgedehnten Anlagen des Krankenhauses St. Georg und der Heilanstalt Dösen, die Kapellenanlage auf dem Südfriedhof, das Stadtbad, Waisen- und Leihhaus sowie zahlreiche Schulen. 1915 trat Scharenberg in den Ruhestand.

Carl James Bühring (1871–1936)

Der noch im selben Jahr als Nachfolger Scharenbergs berufene Carl James Bühring hatte zuvor als Gemeindebaurat das Hochbauamt in Weißensee geleitet. Während des Ersten Weltkriegs beschäftigte er sich mit Entwürfen für die Nachkriegszeit, vor allem mit städtebaulichen Projekten. Auch den kommunalen Wohnungsbau sah Bühring ab 1919, etwa bei der Weidenhofsiedlung in Mockau, den Wohnhäusern an der Lößniger Straße oder am Lützener Plan, vor allem als städtebauliche Aufgabe. Wie schon in Weißensee versuchte er, den Ziegelbau in Leipzig populär zu machen. Obschon 1921 für weitere sechs Jahre im Amt bestätigt, wurde er 1924 mit der Mehrheit linker Stimmen abgewählt und übernahm als Privatarchitekt die Planung für die Ausgestaltung des Leipziger Zoos.

Mit Bührings Nachfolger Hubert Ritter endet die ganzvolle Zeit des Leipziger Hochbauamtes und der selbst entwerfenden Stadtbauräte. Während der NS-Diktatur kamen kaum öffentliche Bauten zur Ausführung. In der DDR wurde den Kommunen die Planungshoheit endgültig entzogen und das Bauwesen ein Teil der staatlichen Planwirtschaft.

Schwarzweiß-Porträt von Hugo Licht mit weißem Vollbart im dunklen Anzug
Hugo Licht, Stadtbaurat in LeipzigLeipzig Stadtarchiv: StadtAL 0563 Nr. 28669
Historisches Foto des Neuen Rathauses Leipzig mit hohem Turm, Straße im Vordergrund
Hugo Licht: Neues Rathaus Leipzig, Blick aus SüdwestenLeipzig Stadtgeschichtliches Museum: F/187/2004
Schwarzweißfoto: Schwimmhalle mit langem Becken, umlaufenden Galerien, Rundfenstern und Uhr
Stadtbad Leipzig, Männerschwimmhalle, um 1916Leipzig Stadtarchiv: StadtAL 0563 Nr. 20989
Schwarzweiß-Porträt von Otto Wilhelm Scharenberg mit Schnurrbart, Anzug und Krawatte
Otto Wilhelm Scharenberg, Stadtbaurat in LeipzigLeipzig Stadtarchiv: StadtAL 0563 Nr. 11385
Schwarzweiß-Porträt von Carl James Bühring mit runder Brille und Schnurrbart
Carl James Bühring, Stadtbaurat in LeipzigStadtarchiv StadtAL_0563_23024
Backstein-Reihenhäuser um einen Hof, Torbau mit Zeltdach und rundbogiger Durchfahrt
Carl James Bühring: Flachbausiedlung Mockau (Weidenhofsiedlung), Leipzig, 1919–1924München AM TUM rit_hu-34

Ausstellungstafel 8

Stadtplanung und kommunale Bauten in Leipzig1 / 6

Ritters Generalbebauungsplan von Leipzig

1929 legte Ritter den Stadtverordneten mit dem Generalbebauungsplan seinen Entwurf für eine moderne Stadtplanung vor. Leider sind die meisten Planunterlagen verloren gegangen, doch haben sich Ritters ausführliche Erläuterungen erhalten. Im Mittelpunkt stand die funktionale Trennung von Arbeiten, Wohnen und Erholung, eine Verkehrsplanung, die alle Arten des Verkehrs berücksichtigte, und der gezielte Grünflächenausbau.

Die bauliche Verdichtung und ansteigende Verkehrsbelastung des Stadtzentrums wollte Ritter durch das Konzept der „Ring-City“ lösen – gedacht als Kranz neuer acht- bis zehngeschossiger Messe- und Geschäftshäuser um den Altstadtkern. Den kulturellen Kräften Leipzigs – Museen, Universität, Messe – sollte städtebaulich Ausdruck verliehen werden. Als verbindendes Element zwischen den Neubauten dienten Ritter nicht Straßen, sondern Grünräume.

Um die hygienischen Bedingungen der Stadt zu verbessern, besaß die Grünplanung besonderes Gewicht. Wichtigste Vorhaben waren die Aufwertung der Elster-Pleiße-Aue ohne die noch vor dem Krieg geplante Bebauung, die Anlage radialer Grünzüge bis in das unbebaute Umland Leipzigs, der Schutz vorhandener Grünflächen, wie der Schrebergärten, und ein hoher Grünflächenanteil in den künftigen Bebauungsplänen.

Stadtplan Leipzigs mit grün markierten Bestands- und geplanten radialen Grünflächen sowie blauen Gewässern
Hubert Ritter: Grünplan der Stadt Leipzig, 1927Ritter, Hubert: Neue Stadtbaukunst Leipzig, Friedrich Ernst Hübsch Verlag, Berlin, Leipzig, Wien, 1927.
Schwarz-weißes Luftbild eines Stadtmodells: Leipziger Altstadt, umgeben von einem Ring großer Blockbauten
Hubert Ritter: Modell der Ring-City Leipzigs, 1929Ritter, Hubert: Neue Stadtbaukunst Leipzig, Friedrich Ernst Hübsch Verlag, Berlin, Leipzig, Wien, 1927.
Kohlezeichnung: gotische Matthäikirche vor einem hohen, kubischen Hochhausbau mit Turm
Hubert Ritter: Ausgestaltung der Ringanlage, Freilegung der Matthäikirche, 1928Ritter, Hubert: Messe- und Stadtentwicklung Leipzig. In: Zentralblatt der Bauverwaltung 42 (1928), S. 677.

Ausstellungstafel 9

Stadtplanung und kommunale Bauten in Leipzig2 / 6

Hubert Ritters kommunale Bauten

Das eindrücklichste Projekt Ritters stellte der Neubau der Großmarkthalle dar. Bis heute prägt der Bau das Leipziger Stadtbild. Jedoch waren die markanten Kuppeln in den ursprünglichen Entwürfen seines Vorgängers nicht vorgesehen. Erst 1924 hatten Franz Dischinger und Ulrich Finsterwalder von der Dyckerhoff & Widmann AG eine neuartige Konstruktion entwickelt, bei der einfach gekrümmte, zylindrische Betonschalen sehr geringer Stärke zu großen polygonalen Vieleckskuppeln verschmelzen. Ritter, der eine Vorliebe für Kuppeln besaß, nutzte sie sofort als Grundlage für eine Überarbeitung des Entwurfs. Die neue Planung sah drei Achteckkuppeln vor, deren Lasten jeweils nur zu den Eckpunkten abgetragen werden. Dadurch konnte unter jeder Kuppel ein stützenfreier Innenraum mit einer Länge sowie Breite von 75 Metern geschaffen werden. Zunächst wurden zwei Kuppeln errichtet, eine dritte Kuppel war als zukünftige Erweiterung vorgesehen. Ein zweigeschossiger Anbau an der Ost- und Nordseite nahm die notwendigen Nebenräume und Büros auf. In der Ansicht hat Ritter zwischen den dunklen, mit Verblendziegeln verkleideten Sockelgeschossen der Büroanbauten und den beiden „schwebenden“ Kuppeln differenziert. Der Logik der Konstruktion entspricht die Unterscheidung in helle Schalen mit einer Dachdeckung aus Zementplatten und dunkle, mit Kupfer verkleidete „Rippen“.

Innenansicht einer Betonkuppel im Rohbau mit dichtem Holzgerüst und Lichtöffnung im Scheitel
Großmarkthalle Leipzig, Innenaufnahme der Kuppel im Bau, 1928Archiv Amt für Bauordnung und Denkmalpflege Leipzig
Luftbild der Großmarkthalle mit zwei großen Kuppeln, Gleisanlagen und Stadt im Hintergrund
Großmarkthalle Leipzig, Luftbildschrägaufnahme, um 1928Stadtarchiv Leipzig StadtAL_0563_Nr_4419-001
Halleninneres mit schrägen Betonrippen, Oberlicht und Händlerständen am Rand
Großmarkthalle Leipzig, Innenaufnahme mit Ständen, 1930Archiv Amt für Bauordnung und Denkmalpflege Leipzig

Ausstellungstafel 10.1

Stadtplanung und kommunale Bauten in Leipzig3 / 6

Das Planetarium

Bald nachdem von Walter Bauersfeld entwickelte Projektionsapparate zur Darstellung des Sternenlaufes in München und Jena in Betrieb genommen worden waren, ließ die Stadt Leipzig, wie einige andere deutsche Städte, ein Planetarium errichten.

Der nur durch schmale Oberlichter und eine Laterne beleuchtete Innenraum von 26 m Durchmesser bot für 600 Personen Platz. Wegen der akustischen Probleme, die der Rundbau des Jenaer Planetariums mit seiner massiven Kuppel mit sich gebracht hatte, gab Hubert Ritter der äußeren Form eines Zwölfecks den Vorzug. Die Betonkuppel ersetzte er durch eine Stoffbespannung in der Form einer Halbkugel als Projektionsfläche, die an der Dachkonstruktion angehängt war.

Der Zentralbau mit Zeltdach und Laterne, das dreiteilige Portal und die vergoldete Inschrift betonten die von Ritter gewünschte Sakralität des Baus, die in einem gewissen Widerspruch zur Wissenschaftlichkeit seines Zwecks stand.

Zwölfeckiger Zentralbau mit Zeltdach, Laterne, Inschrift „Planetarium“ und dreiteiligem Portal
Planetarium am Zoo, Leipzig, Außenansicht, nach 1926Stadtarchiv Leipzig StadtAL_0563_Nr_6299
Bauzeichnung „Leipziger Planetarium im Zoo“: zwei Ansichten mit Zeltdach sowie Schnitte mit Kuppel
Planetarium am Zoo, Leipzig, Ansichten und Querschnitt, 1926Stadtarchiv Leipzig 0029 (Hochbauamt), P/Zoo Nr. 256
Helle Eingangshalle mit Glastüren, ornamentierten Türen und strahlenförmiger Deckenleuchte
Planetarium am Zoo, Leipzig, Eingangshalle, vor 1945Stadtarchiv Leipzig StadtAL_0563_Nr_6300

Ausstellungstafel 10.2

Stadtplanung und kommunale Bauten in Leipzig4 / 6

Das Grassimuseum

Ausgehend von einigen nach einem Rundflug über Leipzig angefertigten Fotos entwickelte Hubert Ritter im Frühjahr 1925 erste Skizzen für den Neubau des Grassimuseums. Er bestimmte den endgültigen Standort und die schlossartige Wirkung der Baumassen um den Alten Johannisfriedhof. Auch nachdem die Architekten Zweck & Voigt im Oktober 1924 siegreich aus einem Wettbewerb zur Ausführung hervorgegangen waren, behielt Ritter die künstlerische Leitung. Der innere Ausbau der Pfeilerhalle erfolgte nach seinem Entwurf.

Städtebaulich sollte das Museum mit seiner Gartenanlage als Auftakt des sogenannten „Grünzugs Ost“ dienen. Ritter konzipierte die radiale Grünzunge als zusammenhängende Fläche, deren Randbebauung die wirtschaftlichen und kulturellen Höhepunkte Leipzigs umschloss und sich bis zum Völkerschlachtdenkmal erstreckte.

Ausstellungstafel 10.3

Stadtplanung und kommunale Bauten in Leipzig5 / 6

Das Westbad

Das 1928–1930 erbaute Hallenbad diente als Wannenbad für die bevölkerungsreichen Vororte Plagwitz und Lindenau und mit einer 25-Meter-Bahn als Sportstätte für Schwimmwettkämpfe.

Das umfangreiche Raumprogramm erzwang auf dem kleinen, unregelmäßig geschnittenen Grundstück eine vertikale Organisation der verschiedenen Funktionen. Das schränkte die Möglichkeiten zur Veranschaulichung der Bauaufgabe stark ein. Die zweckmäßige Grundrisslösung fand in den Außenfassaden keine Entsprechung: die imposante Halle ist vom öffentlichen Raum aus gar nicht zu sehen. Dort erscheint das Westbad mit seiner Klinkerfassade eher als Fabrik, denn als öffentliches Gebäude. Bedingt durch den Standort zeigt die schönste Fassade, auf der Südseite der Halle mit den vertikalen Fensterbändern zwischen den Hallenbindern, zum Lichthof und ist der Öffentlichkeit entzogen.

Ausstellungstafel 10.4

Stadtplanung und kommunale Bauten in Leipzig6 / 6

Die Feuerwache

Der 1880/81 für eine Stadt mit rund 150.000 Einwohnern errichtete erste Bau der Feuerwache am Fleischerplatz war Mitte der 1920er Jahre, als sich die Einwohnerzahl mehr als vervierfacht hatte, zu klein, und die hygienischen Bedingungen für die Feuerwehrleute waren mangelhaft.

Bei der Erweiterung in den Jahren 1928–1930 wurde der Ursprungsbau vergrößert und erhielt eine neue Putzfassade zum Fleischerplatz mit kräftigen farbigen Akzenten.

Fassadenzeichnung „Erweiterung der Hauptfeuerwache in Leipzig“: viergeschossiger Bau mit zwei Turmaufbauten
Hubert Ritter: Hauptfeuerwache Leipzig, Entwurfszeichnung, 1927Stadtarchiv Leipzig StadtAL_0563_Nr_26623-01
Mehrgeschossiger Putzbau mit gerundeter Ecke, Erkern und Walmdach, davor kahle Bäume
Hauptfeuerwache Leipzig, Ansicht Giebelseite von Südwesten, 1930Stadtarchiv Leipzig StadtAL_0563_Nr_34814

Ausstellungstafel 10.5

Kommunaler Wohnungsbau in Leipzig1 / 5

Kommunaler Wohnungsbau in Leipzig

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Wohnen zu einer der drängendsten sozialen Fragen. Leipzig reagierte mit kommunalem Wohnungsbau: Er sollte Wohnungen schaffen und Lebensbedingungen verbessern. Licht, Luft, Grün und funktionale Grundrisse galten als Voraussetzungen gesunden Wohnens. Wohnen wurde zur öffentlichen Aufgabe. Der Gegensatz bestand weniger zur Mietskaserne – Leipzigs Mietshausniveau war seit 1900 vergleichsweise hoch – als zwischen spekulativem, privatwirtschaftlichem Wohnungsbau vor 1914 und dem gemeinwirtschaftlich organisierten Bauen der Weimarer Republik.

Hubert Ritter prägte den Leipziger Wohnungsbau der 1920er Jahre entscheidend. Obwohl die Gartenstadt als Ideal galt, errichtete Leipzig nach 1924 keine kommunalen Einfamilienhäuser. Stattdessen baute die Stadt auf bereits erschlossenem, baureifem Gelände: kostensparend, aber an die vorhandene Umgebung angepasst. Bis 1928 überwogen traditionelle Bauformen; erst mit dem ab 1927 geplanten Rundling setzte sich das Neue Bauen durch.

Die Siedlungen richteten sich an Arbeiterfamilien, Angestellte und kleinere Haushalte. Rationelle Planung, gute Belichtung, Freiflächen und gemeinschaftliche Außenräume verbanden soziale Fürsorge, städtebauliche Ordnung und architektonische Moderne.

Ausstellungstafel 11.6.1

Kommunaler Wohnungsbau in Leipzig2 / 5

Siedlung an der Lindenallee (heute Schönefelder Allee)

Zwischen 1926 und 1927 entstand an der Lindenallee eines der frühen Beispiele kommunalen Wohnungsbaus in Leipzig – ein Projekt des damaligen Stadtbaurats Hubert Ritter. Statt einer geschlossenen Blockrandbebauung setzten die Planer auf zurückgesetzte Häuserzeilen mit Vorgärten. Auf eine Hofbebauung wurde bewusst verzichtet: Gemeinschaftlich genutzte Grünflächen prägen das Zusammenleben im Quartier. Sachlich gegliederte Baukörper und klare Ordnung verleihen der Anlage ihren ruhigen, modernen Charakter. Zum Vergleich eignet sich die benachbarte geschlossene Bebauung, etwa entlang der Dimpfelstraße – ein Kontrast, der die Offenheit dieser Siedlung deutlich macht.

Mit dem Ziel, das »Persönlichkeitsempfinden nicht aus den Wohnungen der Siedlung zu verbannen«, schuf Ritter die komfortabelsten und geräumigsten Grundrisse im damaligen Leipziger Siedlungsbau. Die Vielzahl der Zimmer erlaubt ihre funktionale Trennung sowie die Untervermietung eines separat zugänglichen Zimmers. Nur wenige konnten sich einen solchen Lebensstil leisten, weshalb unter dem Druck der ansteigenden Wohnungsnot in dieser Größe und mit dieser Ausstattung nicht weiter gebaut wurde.

Ausstellungstafeln 11.6.2, 11.6.3, 11.6.4

Kommunaler Wohnungsbau in Leipzig3 / 5

Siedlung an der Thaerstraße

Die Siedlung an der Thaerstraße (1928–1929) markiert die mittlere Phase des Leipziger kommunalen Wohnungsbaus und gilt als Weiterentwicklung des modernen Zeilenbaus. Das Prinzip: Jeweils zwei Eingangs- und zwei Hoffassaden stehen sich gegenüber, sodass eine einzige Straße zur Erschließung zweier Häuserzeilen genügt. Private Grünflächen mit Wäschetrocken- und Spielplätzen trennt eine niedrige Mauer von der Straße – Wohnen und Verkehr bleiben klar getrennt. Erker betonen städtebauliche Gelenkpunkte. Dieses Grundprinzip wiederholt sich später in Kreisform beim Leipziger Rundling. Sachliche Architektur und klare Baukörper prägen das Bild – ganz im Sinne Hubert Ritters: städtebauliche Ordnung und alltagsorientierte, durchdachte Bauweise gehen hier Hand in Hand.

Die insgesamt 368 Wohnungen entstanden in drei verschiedenen Größen. Indem die Wohnung dennoch als reproduzierbarer Baustein verstanden wird, repräsentiert sie Typisierung, Standardisierung und serielle Bauproduktion. Organisiert sind die Raumabfolgen nach Abläufen des alltäglichen Lebens. Die Küche mit Austritt liegt dicht neben dem Wannenbad mit WC, wodurch sich die Haustechnik an einem Punkt bündelt. Entsprechend verringern sich Bau- und Wartungskosten. Die Wohnungen bleiben wohnlich, familienorientiert und flexibel nutzbar. Sie vermitteln zwischen traditioneller Wohnkultur und moderner Reformarchitektur.

Ausstellungstafeln 11.6.5, 11.6.6, 11.6.7

Kommunaler Wohnungsbau in Leipzig4 / 5

Siedlung »Rundling« (Nibelungenring)

Der „Rundling“ in Leipzig-Lößnig ist das eindrucksvollste Beispiel von Hubert Ritters Leipziger Wohnungsbau. Die Anlage entstand nach mehrfachen Planänderungen von 1928 bis 1930 und ist als kreisförmige Großsiedlung einzigartig. Drei konzentrische Ringe, ein zentraler Platz und die gestufte Höhenentwicklung der Häuser prägen den Aufbau. Die Architektur der Neuen Sachlichkeit verbindet hier Funktion, Gemeinschaft und eine starke städtebauliche Form zu einem markanten Gesamtensemble.

Insgesamt entsprechen die 609 drei- bis sechsräumigen Wohnungen des „Rundlings“ etwa zehn verschiedenen Grundrissen. Nur im inneren der drei Ringe sind die Grundrisse der Wohnungen nahezu identisch. In den äußeren Ringen erforderten wohnhygienische Anforderungen der Zeit Variationen. Die Raumfunktionen stehen in Abhängigkeit mit der Himmelsrichtung: Wohnräume sind möglichst nach Süden oder Westen orientiert, Schlafräume nach Osten oder Norden. Nordzimmer wurden soweit es ging vermieden, um vor allem dem neuen baulichen Ideal von bestmöglicher Belichtung nachzukommen.

Ausstellungstafeln 11.6.8, 11.6.9, 11.6.10, 11.6.11

Hubert Ritter im Nationalsozialismus1 / 3

Hubert Ritter während des Nationalsozialismus 1939-1945

Ende der 1920er Jahre geriet Hubert Ritter zwischen die politischen Fronten. Die Baupolitik des Rates, die Person des Stadtbaurats und seine Entwürfe wurden vor allem von der NSDAP scharf attackiert. Vor diesem Hintergrund scheiterte 1930 seine Wiederwahl nach Ablauf der ersten Amtszeit. Ritter arbeitete fortan als freier Architekt und trat dem Bund deutscher Architekten (BDA) bei. Trotz Gutachten und Vorprojekten für das öffentliche Krankenhauswesen erhielt er keine öffentlichen Bauaufträge. Ritter ließ sich 1931 zum Bausachverständigen vereidigen, schloss 1932 seine Promotion an der TH Hannover mit Auszeichnung ab und bemühte sich um internationale Aufträge.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 änderte sich an dieser Situation zunächst nichts. Doch Ende Juli 1940 suchte Ritter den sächsischen Gauamtsleiter Kurt Gruber (1904–1943) in Dresden auf. Kurze Zeit später erhielt er einen Auftrag als „Sonderbeauftragter für den Generalbebauungsplan von Krakau“ direkt aus dem Reichsinnenministerium in Berlin.

Rotes Textplakat „Der Stadtbank-Skandal“ mit Vorwürfen zu Bauwesen, Großmarkthalle, Planetarium und Grassimuseum
NSDAP-Plakat gegen Ritters Wiederwahl zum Stadtbaurat, Leipzig, 1930Stadtarchiv Leipzig: StadtAL 0592 Nr. 1004 u. 1095
Schwarzweiß-Porträt von Hubert Ritter im Anzug mit Parteiabzeichen vor einem großen Stadtplan
Hubert Ritter vor dem Generalbebauungsplan in Luxemburg, 1943München, AM TUM, rit_hu-310-1001

Ausstellungstafel 13.1

Hubert Ritter im Nationalsozialismus2 / 3

Der Generalbebauungsplan von Krakau 1940/1941

Bereits am 6. September 1939 – wenige Tage nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs – besetzten deutsche Truppen Krakau. Die alte polnische Königsstadt wurde Hauptstadt und Verwaltungssitz des von Hitler am 12. Oktober gegründeten „Generalgouvernements“, das den Großteil der okkupierten polnischen Gebiete umfasste.

Ritter reiste am 28. August 1940 mit dem Schreiben des Ministeriums nach Krakau. Es kostete ihn einige Mühe, mit dem damaligen Stadthauptmann Carl Schmid (1889–1966) in Kontakt zu treten, der nichts von Ritters Auftrag wusste. Nach Gesprächen mit ihm und „Generalgouverneur“ Hans Frank (1900–1946) beauftragte man Ritter schließlich, mit Unterstützung polnischer Mitarbeiter den Generalbebauungsplan (GBP) für die „deutsche“ Hauptstadt und insb. das neue Regierungsviertel zu entwerfen. Zunächst zog man ihn auch bei anderen städtebaulichen Fragen zu Rate u.a. bei Krankenhausplanungen in Krakau, Miechów, Zakopane und Stalowa Wola.

Ritter plante das neue Regierungsviertel außerhalb des historischen Zentrums auf dem südlichen Weichselufer, was den Machthabern missfiel. Widerwillig folgte man seinen Argumenten. Anfang 1941 ernannte man einen neuen Stadtarchitekten und entzog Ritter seine Mitarbeiter. Nach weiteren Unstimmigkeiten mit dem neuen SS-Stadthauptmann Rudolf Pavlu (1902–1949) reiste Ritter Ende April kurzfristig mit all seinen Planunterlagen nach Leipzig ab, um Generalbebauungsplan und Regierungsviertel dort fertigzustellen. Im Oktober 1941 fuhr er ein letztes Mal nach Krakau und übergab den fertigen Generalbebauungsplan einem Mitarbeiter Hans Franks. Die Planungen wurden nie umgesetzt.

Den Generalbebauungsplan entwickelte Ritter in völligem Einklang mit der NS-Ideologie. Ziel sei die Entwicklung Krakaus zur „deutschen Stadt“. Ritter plante daher bevorzugte Wohngebiete mit „großen, schönen und billigen Wohnungen“ bzw. Einfamilienhäusern für die deutschen Besatzer und ihre Familien im Westen der Stadt, während die polnische Bevölkerung in kleinen Wohnungen mit niedrigem Lebensstandard untergebracht werden sollte. Ritter ging davon aus, dass „von den ca. 65.000 Juden bis zu 60.000 verschwinden“ würden. Bereits im November 1940 hatten Deportationen und die Zwangsumsiedlung der jüdischen Bevölkerung in das neue Ghetto im Stadtviertel Podgórze begonnen.

Ausstellungstafel 13.2

Hubert Ritter im Nationalsozialismus3 / 3

Der Generalbebaungsplan von Luxemburg (1941-1944)

Unmittelbar nach der Annexion und Besetzung des neutralen Luxemburg durch die deutsche Wehrmacht am 10. Mai 1940, begann Gustav Simon (1900–1945), Gauleiter und Chef der Zivilverwaltung, mit großer Brutalität mit der „Germanisierung“ sowie Vertreibung und Deportation der jüdischen Bevölkerung, um Luxemburg zu einem „deutschen Bollwerk gegen den Westen“ zu machen.

Im Sommer 1941 erhielt Hubert Ritter das telefonische Angebot des deutschen Oberbürgermeisters Richard Hengst (1903–1982) zur Leitung des städtischen Bauwesens und zur Erstellung eines Generalbebauungsplans. Ritter gefiel die Aufgabe als Stadtbaurat im landschaftlich reizvollen Luxemburg. Auch hier arbeitete er freiberuflich und in Zusammenarbeit mit luxemburgischen Fachkräften u.a. mit Eugène Clement, dem späteren Stadtbaudirektor.

Auch hier plante Ritter, um die historische Altstadt zu schonen, das neue NS-Machtzentrum außerhalb des historischen Stadtkerns auf einem Hochplateau, erschlossen von einer neuen Brücke über die Alzig. Diese Ost-Orientierung der Stadt zum Kirchberg-Plateau galt als symbolischer Anschluss an das Dritte Reich. Die ausgedehnten Wohnsiedlungen beim Kirchbergplateau sollten Zuwanderern aus dem „Altreich“ vorbehalten sein. Ritters umfangreiche Luxemburger Planungen umfassten u.a. ein Kreisforum, eine SA-Anlage mit Wohnungsiedlungen, ein Kulturforum mit Theater, Kino und Landesbibliothek sowie ein neues Rathaus. Im Oktober 1943 bestätigte Simon den vorgelegten Generalbebauungsplan, im Februar wurde er gedruckt.

Wegen Differenzen mit Hengsts Nachfolger Heinrich Gorges wurde Ritters Vertrag zum April 1944 gekündigt. Ritter arbeitete anschließend für die Koblenzer Industrie- u. Handelskammer u.a. als Werksbeauftragter für die Umsiedlung unterirdischer Rüstungsbetriebe im Ahrtal, wo u.a. die V2-Kurzstreckenrakete produziert wurde. Rückblickend bezeichnet Ritter die Luxemburger Jahre als „einen Höhepunkt“ in seinem Leben. Kritisch schildert er allerdings die Drangsalierung der einheimischen Bevölkerung durch die NS-Verwaltung und setzte sich persönlich für seine Mitarbeiter ein. Grundsätzlich kritische Töne gegenüber dem NS-Regime klingen in der Autobiografie vor allem durch seine Frau Margret an. Ritter selbst stellte seine Arbeit als Stadtplaner und Architekt sowohl in Krakau als auch in Luxemburg bedenkenlos in den Dienst der nationalsozialistischen Besatzungspolitik und ihrer Ideologie.

Ausstellungstafel 13.3

Schulbauten1 / 1

Hubert Ritters Schulbauten

Ausstellungstafeln 14.12, 14.1, 14.2, 14.3, 14.4, 14.5, 14.6, 14.7, 14.8, 14.9, 14.11

Krankenhausbau1 / 5

Krankenhausbau: Anfänge in Leipzig

ANFÄNGE

In seiner Funktion als Stadtbaurat kam Hubert Ritter in Berührung mit dem Krankenhausbau. Ein erstes Projekt unter seiner Leitung stellte das Tuberkulose-Kinderkrankenhaus der Stadt Leipzig im vogtländischen Adorf dar. Dabei sprach sich Ritter aufgrund hygienischer Bedenken für einen Massivbau anstelle des vorgesehenen Holzbaus aus. Zeitgleich widmete sich Ritter der Planung eines Kinderkrankenhauses mit 250 Betten südöstlich des Neuen Johannisfriedhofs sowie der Erweiterung des Krankenhauses St. Jakob, welches später der Universität Leipzig angegliedert wurde.

ST. JAKOB

1928/29 wurde nach Ritters Plänen eine neue Quarantänestation errichtet, eine Dreiflügelanlage mit Zufahrtsrampen und Loggien mit Liegeterrassen. Bis 1930 ergänzte Ritter die Dermatologische Klinik um einen Trakt zu einer Vierflügelanlage mit geschlossenem Innenhof und Dachterrassen. Der Neubau einer zentralen Küche konnte nicht realisiert werden.

Ausstellungstafel 15.1

Krankenhausbau2 / 5

Kinderkrankenhaus und freiberufliche Tätigkeit

EIN NEUES KINDERKRANKENHAUS FÜR LEIPZIG

Ritters erste Entwurfsfassung für ein Kinderkrankenhaus bestand aus einer Anlage mit drei fünfgeschossigen Stationsgebäuden. Eine spätere Variante zeigt einen zehngeschossigen Bau. Wenngleich das Kinderkrankenhaus nie realisiert wurde, konnte Ritter seine Überlegungen in einem Versuchspavillon im Jahre 1930 erproben. Im Inneren gliedert sich der Pavillon in einen Korridor, einen Vorraum und vier Einzelboxen. Heute noch erhalten sind die von Ritter entworfenen Funktionsbauten auf dem Gelände des ehemaligen Kinderkrankenhauses. Ende der 1920er Jahre entstanden hier ein Pförtnerhäuschen, ein Küchengebäude sowie ein Kesselhaus.

FREIBERUFLICHE TÄTIGKEIT

Ab 1931 arbeitete Ritter als freischaffender Architekt u.a. im Krankenhausbau. Sein erster Auftrag war die Fertigstellung eines Neubaus für das St.-Elisabeth-Krankenhaus in Leipzig-Connewitz. Bereits seit 1929 erstellte Ritter im Auftrag des Deutschen Städtetages Gutachten zu Krankenhausplanungen. 1930 wurde er als einziger Deutscher in die International Hospital Federation aufgenommen. Im Jahre 1932 promovierte er an der Technischen Hochschule Hannover zu „Der Krankenhausbau der Gegenwart im In- und Ausland. Wirtschaft, Organisation und Technik“.

Ausstellungstafel 15.2

Krankenhausbau3 / 5

Malaga, Osnabrück und die besetzten Gebiete

EIN KRANKENHAUS FÜR MALAGA

1933 bot sich Ritter in einem Schreiben an die Stadtverwaltung Malaga (Spanien) als Krankenhausarchitekt an. Ritters unausgeführte Entwürfe für das hügelige Terrain stehen im Zeichen der Moderne. Neben einem allgemeinen Krankenhaus sollten auf dem Gelände im Stadtteil Limonar noch zwei weitere Gebäude entstehen: ein Kinderpavillon sowie eine psychiatrische Abteilung.

STADTKRANKENHAUS OSNABRÜCK

Ab 1936 widmete sich Ritter der Umgestaltung des Osnabrücker Stadtkrankenhauses. Ritters Generalplan sah vier Hauptprojekte vor: den Neubau eines Infektionshauses, einer Wirtschaftszentrale, einer chirurgischen Klinik sowie den Umbau bestehender Gebäude zu Personalwohnungen und Spezialabteilungen. Bemerkenswert erscheint die Überlegung zu Luftschutzkellern.

TÄTIGKEIT IN DEN BESETZTEN POLNISCHEN GEBIETEN

Neben seiner regen Publikationstätigkeit legte Ritter in den Folgejahren Planungen zu diversen Kliniken vor, darunter auch für Miechów und Stalowa Wola während der deutschen Besetzung Polens. 1940 erarbeitete Ritter eine Studie zum Krankenhausbedarf im „Protektorat Böhmen und Mähren“. Erhalten sind Pläne für ein Bezirkskrankenhaus in Falkenau (Sokolov) für 550 Betten. Zur Lage bemerkt Ritter, dass sich in der näheren Umgebung keine baulichen Objekte befänden, die Anreiz zum Luftangriff böten.

Ausstellungstafel 15.3

Krankenhausbau4 / 5

Wiederaufbau und Umzug nach München

WIEDERAUFBAU

Nach 1945 bemühte sich Hubert Ritter nachdrücklich, seine langjährige Erfahrung im Krankenhausbau auch unter den neuen politischen Verhältnissen einzubringen. Auf eigene Initiative hin erhielt er 1948 den Auftrag, einen Generalplan für das Krankenhauswesen der Sowjetischen Besatzungszone zu erarbeiten. Auch nach der Gründung der DDR warb er beharrlich um weitere Planungsaufträge. Die anfängliche Offenheit wich jedoch zunehmender Ablehnung. Seine „Ideallösungen“ waren unvereinbar mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Wiederaufbaus.

UMZUG NACH MÜNCHEN

1952 verließ Ritter, auch auf Drängen seiner Frau, die DDR und siedelte nach München über. Dort beteiligte er sich mit seinem Sohn an verschiedenen Wettbewerben. Die „angenehmste Aufgabe“, so schreibt er in seiner Autobiographie, war die Erweiterung des Krankenhauses St. Elisabeth in Straubing.

Ausstellungstafeln 15.4, 15.5

Krankenhausbau5 / 5

Projekte in Straubing

PROJEKTE IN STRAUBING

1956 erarbeitete Ritter gemeinsam mit seinem Sohn einen Generalplan für das Krankenhaus St. Elisabeth in Straubing. Dieser sollte in vier Stufen ausgeführt werden. Zunächst wurde der Schachnerbau (1927) aufgestockt. 1957 bis 1959 wurde die Anlage um einen Behandlungstrakt nach Osten erweitert. 1962/63 wurde der Saalbau mit den nicht mehr zeitgemäßen großen Krankensälen umgebaut. 1968, erst nach Hubert Ritters Tod, folgte der Küchenbau.

Ausstellungstafel 15.6

Nach 19451 / 4

In Leipzig 1945–1952

Anfang Juni 1945 kehrte Ritter nach Leipzig zurück und begann im Herbst wieder als Privatarchitekt zu arbeiten. Der Zentralverwaltung der Sowjetischen Besatzungszone bot sich Ritter als Spezialist für Städtebau und Krankenhausplanung an.

Ab 1946 beteiligte er sich an den Diskussionen um den Wiederaufbau Leipzigs, wobei er verschiedentlich den Positionen des SED-Stadtbaurates Walther Beyer widersprach, der 1924 gleichfalls als Kandidat der SPD um das Amt des Stadtbaurates kandidiert hatte.

In Planungsgemeinschaft mit Leipziger Architekten beteiligte sich Ritter an mehreren Wettbewerben. Als die Spielräume nach der Gründung volkseigener Planungsbüros ab 1950 für Privatarchitekten enger wurden, übersiedelte er Ende Oktober 1952 nach München und gründete mit seinem Sohn Hans-Jörg ein gemeinsames Architekturbüro.

ENTWURF FÜR DIE AUSGESTALTUNG DES PROMENADENRINGS

Nach 1945 passte Ritter frühere Pläne den gewandelten politischen Verhältnissen an. Am 4. Oktober 1952, nur drei Wochen vor seinem Weggang aus der DDR, notierte Ritter, dass die „neue gesellschaftliche Entwicklung praktischen und sinnfältigen Ausdruck im Stadtkörper“ fordere und schlug als neuen Demonstrationsplatz eine breite Schneise durch die Westvorstadt von der Karl-Tauchnitz- zur Käthe-Kollwitz-Straße vor. Diese Idee fand Eingang in die kommunale Planung und findet sich 1959 in den offiziellen Plandokumenten wieder.

Im Juni 1950 sandte Ritter seine überarbeitete Hotelplanung aus dem Jahre 1927 an das Ministerium für Aufbau in Berlin, wo man ihm mitteilen ließ, dass das Hotel an einem anderen Standort errichtet würde und die vorgeschlagene Form keinesfalls Anwendung finde, „denn wir wollen in unseren Bauten das kulturelle Erbe und nicht formalistische Formen verwirklicht sehen“.

Ausstellungstafel 16.1

Nach 19452 / 4

Opernhaus Leipzig und Wiederaufbau Dresdens

VORENTWURF FÜR DEN NEUBAU EINES OPERNHAUSES IN LEIPZIG

Im Frühjahr 1950 gehörte Ritter zu acht ausgewählten Architekten und Planungsbüros, die das Ministerium für Aufbau um Vorentwürfe für den Neubau eines Opernhauses am Karl-Marx-Platz (heute wieder Augustusplatz) gebeten hatte. Nach Ritters Vorstellungen sollte der Platz vom Verkehr befreit werden.

Sein gemeinsam mit Arthur Bock, Hanns Degelmann und Paul Grafe in zwei Varianten ausgearbeiteter Entwurf sah ein Einrangtheater mit rund 1800 Plätzen vor. Als die Pläne im Juni 1950 ausgestellt wurden, lobte die Kritik die große Glasfront der Hauptfassade und die großzügige Eingangshalle im Erdgeschoss.

ENTWURFSSKIZZEN FÜR DEN WIEDERAUFBAU DRESDENS

Nachdem ihr Entwurf im Wettbewerb für den Wiederaufbau Dresdens 1951 schon früh ausgeschieden war, intervenierten Hubert Ritter und Arthur Bock beim Präsidenten der Bauakademie Kurt Liebknecht und beim Dresdner Oberbürgermeister Walter Weidauer, um auf die aus ihrer Sicht mangelhafte Wettbewerbsausschreibung hinzuweisen. Sie sahen die wichtigste Aufgabe im „räumlichen Zusammenschluss der beiden Stadthälften“ mit der Elbe als Mittelpunkt, wobei sie sich auf die stalinistische Architekturdoktrin der „16 Grundsätze des Städtebaus“ beriefen, die die besondere Bedeutung der Flüsse in den Städten hervorhob.

Ausstellungstafel 16.2

Nach 19453 / 4

In München 1952–1963

Gemeinsam mit seinem Sohn Hans-Jörg betrieb Hubert Ritter ab 1952 ein Architekturbüro mit einem Schwerpunkt auf dem Krankenhausbau. Daneben entstanden städtebauliche Projekte, Bebauungspläne, Ein- und Mehrfamilienhäuser, Hotels und Gaststätten in traditionellen Formen in Bayern und Südtirol. 1963 schied Hubert Ritter aus dem gemeinsamen Büro aus.

WIEDERAUFBAU IN AUGSBURG

1954 gehörten Hans-Jörg und Hubert Ritter zu den mehr als 160 Teilnehmern des städtebaulichen Ideenwettbewerbs um die Neubebauung des Ludwigsplatzes in Augsburg – einen durch Kriegseinwirkung zerstörten Block gegenüber dem berühmten Rathaus und dem Perlachturm. In ihrem nicht prämierten Beitrag schlugen sie ein zwölfgeschossiges Bürogebäude mit Tiefgarage und Läden sowie ein Kino mit 500 Plätzen vor. In der später über Jahre geführten kontroversen Debatte setzten die Augsburger Bürger 1961 durch, dass die Fläche unbebaut blieb.

Ausstellungstafel 16.3

Nach 19454 / 4

Einfamilienhäuser und Gasthöfe in Bayern und Südtirol

EINFAMILIENHÄUSER UND GASTHÖFE IN BAYERN UND IN SÜDTIROL

Neben funktionalen Krankenhausbauten entwarf das Architekturbüro Ritter ab 1952 Gasthöfe und Einfamilienhäuser im alpenländischen Geschmack, wobei Hubert Ritter auf Erfahrungen im Wohnhausbau seiner frühen Jahre nach dem Examen zurückgreifen konnte. In Ortisei/St. Ulrich und Wolkenstein/Selva die Val Gardena in Südtirol erweiterte das Büro Hotels in den ortstypischen Formen.

Auch kleine Bauaufgaben arbeitete Hubert Ritter zeichnerisch in vielen Varianten in Bezug auf die Komposition der Baumassen durch. Die Innenarchitektur und die für die Baustelle bestimmten Ausführungspläne lagen dann in den Händen von Hans-Jörg Ritter.

Ausstellungstafel 16.4